Polydor - Der Hengst, der Maßstäbe setzte


Nahezu die komplette Weltelite der Springreiter nahm in den Sätteln seiner Kinder Platz und sprang mit ihnen in die Siegeslisten bedeutender Turniere: Der nordrhein-westfälische Landbeschäler Polydor gilt als einer der erfolgreichsten Produzenten von Sportpferden auf dem Globus, trug zweimal die Auszeichnung "Sire of the world" - weltbester Spring- vererber. Weit über vier Millionen Euro betrug die Lebensgewinnsumme seiner Nachkommen 2004.

"Der in unserem Zuchtgebiet durchschlagendste Springvererber der letzten 40 Jahre"; zollt ihm Rheinlands Zuchtleiter Martin Spoo hohen Respekt. "Ein Hengst von großer Persönlichkeit, ein Pferd mit Würde", charakterisiert ihn Warendorfs Landstallmeisterin Susanne Rimkus und ergänzt: "Polydor wusste, dass er etwas Besonderes ist. Kamen Besuchergruppen in den Stall, wölbte er den Hals, spitzte die Ohren und ließ sich souverän fotografieren." Und einer, der wie Rimkus es aus- drückt, als Mahnmal dafür steht, über die Vererbung eines Hengstes nicht zu schnell zu urteilen und ihm Chancen ein- zuräumen. Denn mustergültig verlief die Karriere des Landbeschälers anfangs nicht.

Polydor war "keine strahlende Attraktion" als Junghengst, gibt der langjährige Landstallmeister Warendorfs,
Dr. Gerd Lehmann, freimütig zu. Er kaufte den Hengst auch erst, als ein anderes Pferd aus dem Körlot wegen eines Gewährsmangels zurück gegeben werden musste. Doch der Reihe nach: Geboren wurde Polydor auf dem Hof von Rechtsanwalt Werner Münch in Recklinghausen. "Ein gut entwickeltes, normales, sehr umgängliches Fohlen", so nennt er es, brachte seine Stute Fata Morgana am 7. März 1972 zur Welt. Die erste große Stunde des jungen Hengstes schlug auf der Körung 1974. "Dort zeigte er sich mittelprächtig in der Entwicklung, solide, mit Bewegungen, die dem guten Durchschnitt entsprachen. Das Freispringen hatte er wohl noch nicht so geübt", erinnert sich Dr. Lehmann. Dass hier einer der erfolgreichsten Vererber Deutschlands heranreifte, das konnte man wahrlich noch nicht erkennen. Auch eine Karriere als Landbeschäler war für den nach seinem ein Jahr älteren gekörten Vollbruder Polarstern I auf den Namen Polarstern II getauften Hengst noch nicht in
Sicht. So kam es, dass der junge Westfale ins belgische Nachbarland abwanderte. Aber dort wurde er nicht gerade mit offenen Armen empfangen – ganz im Gegenteil: Auf der Körung des belgischen Warmblutzuchtverbandes schmetterte man den Dunkelbraunen ab. Und dann trat eine Wende ein, die man nur mit züchterischem Weitblick und wahrer Passion beschreiben kann: Münch kaufte seinen Hengst zurück. "Ich war einfach überzeugt von seiner Qualität und wollte verhindern, dass er im Nichts verschwand." Neben dem Glauben an sein Pferd tat auch die erstklassige Abstammung einiges zu dieser Entscheidung. Polydor stammte vom Kör-Reservesieger von 1967, Pilatus, der später mit Pilot einen zweiten Jahrhundertvererber gebracht
hat. Pilatus wiederum ist ein Sohn des Perseus.


Dann trat ein Schnittpunkt ein, den man im Nachhinein nur als glückliche Fügung bezeichnen kann. Aus dem Lot, das Lehmann auf Polydors Körung erworben hatte, fiel ein Hengst durch gesundheitliche Probleme aus. Münch, glücklicherweise nicht durch falschen Stolz blockiert, fragte erneut bei Lehmann an, ob Interesse an dem wieder erworbenen Polydor bestände. Dann war der Weg frei für den Junghengst. Das niederrheinische Wesel schließlich wurde die neue Heimat von Polydor. 50 Stuten wurden ihm in seiner ersten Saison zugeführt. "Alle lobten den Hengst, er sei ein anständiger Kerl, man könne gut mit ihm umgehen" weiß Lehmann. Dann kam das gespannte Warten auf den ersten Fohlenjahrgang. Ein klein wenig bange war es dem Landstallmeister doch ums Herz. Denn er befürchtete, dass sich bei Polydors Vererbung der Typ seiner Mutter "etwas derb mit kleinen Mängeln in Hals und Hinterbein" durchsetzen würde. Und tatsächlich "Ein gewisser Prozentsatz auf der Fohlenschau wies einige Nachteile auf" Experten-Stimmen wurden laut, die - wie sich Rheinlands Zuchtleiter Martin Spoo erinnert - provokant fragten " Was will man mit all den schrecklichen Tieren" und forderten " Der Hengst muss weg." Doch die Weseler hielten zu ihrem Polydor. Um zu ermöglichen, dass der Landbeschäler weiter gut von den Züchtern genutzt wurde, dachte man sich eine Forderung aus. " Wer Polydors sehr begehrten Boxennachbarn Foxtrott nutzen wollte, musste auch eine Stute zu Polydor bringen"
berichtet Spoo. Reich wurden die Züchter allerdings nicht von diesem Nachwuchs.
Das sollte sich Jahre später grundlegend ändern.

Nachdem Polydors Vererbung in der Anfangszeit niemanden vom Hocker riss, seine Kinder sich zwar beim Freispringen ordentlich zeigten, aber nicht gerade durch ihre spektakuläre Art glänzten, kam der Tag, der wie ein Paukenschlag einschlug. Der das Blatt komplett wendete, der genau zur rechten Zeit kam, der der Karriere eines der besten Springpferdevererber der Welt den dringend benötigten Impuls gab: Der Tag, an dem die Konkurrenzen um die Bundeschampionats-Titel der fünf- und sechsjährigen Springpferde die Fachwelt erstaunen ließen: 1984 stammten beide Sieger von Warendorfs Landbeschäler Polydor. Pirat und Pirol hießen die beiden Botschafter ihres Vaters, der damals bereits zwölf Jahre alt war. Einen solchen Doppelerfolg
auf der inoffiziellen "Deutschen Meisterschaft der jungen Pferde" zu vollbringen - das hat Polydor bisher kein Hengst nach- machen können. "Von dem Tag an wurden Polydor-Nachkommen wie Gold gehandelt" weiß Spoo.

Die Erfolge auf dem Bundeschampionat sollten keine Eintagsfliegen bleiben. Polydor-Nachkommen drangen beständig und unaufhaltsam in die schwere Klasse vor. Nachdem Tyrol bereits unter spanischer Flagge international auf sich aufmerksam machte und Thomas Frühmann mit Porter einen hochklassigen Polydor-Sohn unterm Sattel hatte, eroberte sich eine braune Stute den Platz, über lange Jahre das erfolgreichste Kind seines Vaters zu sein: Pamina. Zunächst unter Alois Pollmann-Schweckhorst erfolgreich, wurde sie mit Otto Becker Deutscher Meister, siegte im Nationenpreis in Luxemburg und legte schließlich das beste Ergebnis des deutschen Teams auf der WM 1990 hin und holte Mannschaftssilber. Der Stute gelang die Ausnahme-Leistung,
mit den German Classics in Bremen und dem Großen Preis von Calgary die beiden höchstdotierten Prüfungen der Welt innerhalb eines Jahres zu gewinnen und war 1990 das erfolgreichste Pferd aus deutscher Zucht. "Pamina war ein Pferd mitüberragenden Möglichkeiten, sie hatte eine hervorragende Leistungsbereitschaft", lobt Otto Becker die Stute. Zu olympischen Ehren gelangte Pamina 1992 unter italienischer Flagge mit Valerio Sozzi. Er nahm mit ihr auch erfolgreich auf der Europa meisterschaft 1993 und der Weltmeisterschaft in Den Haag teil.

1992, als Pamina bei den Olympischen Spielen startete, war das Jahr, in dem ihre väterliche Halbschwester Padua ihr erstes S-Springen in Neumünster gewann. Unzählige gelbe Schleifen in der schweren Klasse sollten folgen. Padua zählte mit Ralf Schneider 1993 zum siegreichen Nationenpreis-Team von Linz, war 1994 platzierte Weltcup-Finalistin, siegte 1995 in Bremen, entschied 1996 Konkurrenzen in Dortmund und Mannheim für sich und stand zwei Jahre später mit dem deutschen Team im Nationenpreis von Prag vorne. "Noch heute denke ich mit Begeisterung an dieses Pferd zurück, sie hatte nicht einen Tag, an dem sie nicht Alles gab", spricht Ralf Schneider seiner Erfolgsstute ein hervorragendes Zeugnis aus. Aus einer holsteinisches Blut führenden Mutter von Aladin gezogen, brachte Padua vor ihrer Sportkarriere den gekörten Zeus-Sohn Zandor Z, der dreimal erfolgreich an den Weltmeisterschaften für junge Springpferde in Lanaken teilnahm und unter
Jos Lansink den Großen Preis von Bordeaux 1999 gewann. Welch herausragende Leistungskraft in Paduas Genen steckt, beweisen die unter Jan Tops in Großen Preisen siegreiche Vollschwester Sonora la Silla und Poor Boy, der mit Lesley McNaught und Beat Mändli internationale Erfolge einstrich. Sonora la Silla brachte mit Zeus den unter Holger Hetzel ebenfalls international erfolgreichen Zodiac. Ihr letztes S-Springen gewann Padua 2002 17-jährig in Hagen. Damit war die Stute zehn Jahre lang beständig in der S-Klasse erfolgreich. Eine Erfolgsbilanz, die unterstreicht, was Polydor dominant vererbte: Härte und Langlebigkeit.

Erst mit zehn Jahren startete er auf seinem ersten Turnier, zwei Jahre später war er schon das mit 96.653 Mark erfolgreichste rheinische Springpferd: Die Rede ist von Warendorfs Landbeschäler Potsdam, der mit dem "Kaiser" Heinrich-Wilhelm Johannsmann 2002 eine famose Siegesserie hinlegte: Der HLP-Sieger gewann in Münster, Neumünster, Nörten-Hardenberg, Redefin, Rulle - jedesmal sah die Konkurrenz den schwarzen Hengst nur von hinten. Im Jahr 2004 lag die Lebensgewinnsumme des Rheinländers bei 150.530 Euro. Potsdam ist ein Pferd, das unwahrscheinlich arbeiten will, ein Pferd, von dem jeder träumt, eines, bei dem Reiten zum Hochgenuss wird " schwärmt Johannsmann über den Rappen. Auch die Summe, die Potsdams Nachkommen bisher "erwirtschaftet" haben, kann sich sehen lassen: Sie liegt bei 93.210 Euro. Mit Pascavello hat er einen
gekörten Sohn, der aus einer Holsteiner Mutter von Cor de la Bryere-Farnese gezogen ist und im Landgestüt Warendorf deckt. Dass Potsdam auch auf der Mutterseite ein echter Volltreffer sein kann, zeigte sich auf der nordrhein-westfälischen Fohlenauktion 2003: 30.000 Euro kostete Figo, abstammend von Fürst Piccolo-Potsdam.

Potsdam ist übrigens kein Unikat. Vollbruder Paavo N kam drei Jahre vor ihm auf die Welt, wurde ebenfalls gekört, später aber kastriert. Klein war er, schnell, wendig und mit katzenhafter Geschicklichkeit: Unglaubliche 62-mal hatte sich der Rheinländer in die Platzierungslisten Großer Preise eingetragen. Im Jahr 2000 avancierte der für seinen Kampfgeist bekannte Paavo N zum erfolgreichsten Nationenpreispferd, stand er doch viermal im siegreichen Team. Sechs Jahre bewies der 1.61 Meter große Wallach seine Leistungsbereitschaft unter der Irin Jessica Kürten im Sport, ehe er Ende 2003 nach dem Sieg des Flandria Queens Cup im belgischen Mechelen in den verdienten Ruhestand verabschiedet wurde. Damit beweist Paavo wie auch Potsdam, welche Erbkraft ihr Vater ihnen mit gegeben hat.

Potsdam ist einer von 32 gekörten Söhnen, die Polydor brachte. Lange Jahre war es ruhig in Sachen „Mannesstamm-Erhalter“ - von den 27 ins Hengstbuch I eingetragenen Söhnen wurden nur drei vor 1991 gekört. Der allererste war 1979 Palisandergrund, gezogen aus einer Frühling-Mutter. Seine Nachkommens-Gewinnsumme betrug laut FN-Jahrbuch Zucht 2003 über 118.709 Euro - damit ist er der bisher weiterfolgreichste Polydor-Sohn überhaupt. Zwei Jahre später folgte ihm sein Vollbruder Pacific Sunset,
der in Kanada wirkte. Dann war es lange ruhig auf den Körungen und erst neun Jahre später wurde mit Polany wieder ein Polydor-Sohn gekört. Aus einer Foxtrott-Mutter gezogen weist der Warendorfer Landbeschäler mit 165.281 Euro die höchste Nachkommens-Lebensgewinnsumme aller väterlichen Halbbrüder auf.

Der Rheinländer war 1990 Körungssieger und gewann seine HLP mit 130,54 Punkten. Polany führt über seine Mutter Fabel, die dem berühmten Vornholzer Stutenstamm der Finnländerin entstammt, viel Blut - Usurpator xx, Ramzes x und Sinus xx finden sich in ihrem Pedigree. Der Hengst selbst war unter Marcus Döring erfolgreich in schweren Springen. Polanys Sohn Polano, ebenfalls HLP-Sieger, ließ die Gebote auf der PSI-Auktion auf 650.000 Mark klettern. Wegen seiner Bewegungsstärke und Rittigkeit war Polano in die Dressurkollektion eingereiht.

Nach Polanys Körung im Jahr 1990 schaffte es Polydor, beinahe jedes Jahr mindestens einen gekörten Sohn zu liefern. 1991 waren es gleich drei - neben Potsdam dessen ein Jahr älterer Vollbruder Puschkin D und der aus einer Feuerzauber-Mutter gezogene Point, der im sächsischen Landgestüt Moritzburg wirkt und 2004 eine Nachkommens-Lebensgewinnsumme von über 38.000 Euro nachweisen kann. 1991 war auch das Jahr, in dem Polydor nach den Erfolgen seiner Nachkommen die „Bundesliga“ der Vererber anführte.Zwei Jahre später begann mit der Körung von Pontifex eine wechselhafte Geschichte, die sich mit einer noch lange nicht zu
Ende gehenden Erfolgsstory krönte. Der aus einer Dialekt-Mutter gezogene Hengst zog ins Landgestüt ein und nur sieben Jahre später wieder aus – er könne nicht springen und würde sich schlecht vererben sagte man ihm nach. Diesen Gerüchten strafte Pontifex in seiner neuen Heimat, dem Stall Gripshöver, Lügen: Erst trug er Bereiter Oliver Schaal zum Goldenen Reitabzeichen, dann feierte er mit Lutz Gripshöver internationale Erfolge. Als Pontifex‘ Nachkommen im richtigen Alter viel Werbung für ihren Vater machten, eröffneten Gripshövers eigens eine Deckstation für den Hengst. Polyfee ist so eine, die ihren Erzeuger nachhaltig ins Gespräch bringt. Neunjährig gewann sie das Finale der Youngster Tour 2003 in Münster. „Sie ist unheimlich ehrgeizig und hat das enorme Vermögen ihres Vaters geerbt“, berichtet Gripshöver, der mit ihr im Weltcup
platziert war und Dritter im Großen Preis von Dortmund wurde. 2004 verdienten Pontifex‘ Nachkommen rund 113.730 Euro. Tendenz steigend. Der Vergleich mit der Karriere seines Vaters scheint nicht ganz aus der Luft gegriffen.

Auch Polygraf, aus einer Joachim-Mutter gezogener Westfale, stand 1993 im Körlot. Hengste wie Pronto, Poleander, der in Belgien wirkende Polidiktus van der Helle, Polyfox und der mit Inzucht auf Pilatus aus einer Pilot-Mutter gezogene, im Besitz von Paul Schockemöhle stehende Pontoromo sowie viele andere - insgesamt 32 - folgten. Der bisher letzte, treffend auf den Namen Polydor´s Erbe getauft, wurde 2002 in Münster-Handorf gekört. Er ist ein Vollbruder zu Pikachu, der mit fünf weiteren aus der väterlichen Linie von Polydor stammenden Hengsten das Blut dieses Ausnahmevererbers in Warendorf erhält. Zwei davon, Prado und der bunte Fuchs Peking, stammen vom rheinischen Privatbeschäler Polytraum. Mütterlicherseits reiht dieser 1994 geborene Hengst über Frühlingstraum II-Bariton-Angelo xx Westfalens Hauptbeschäler in einer Reihe auf.
Selbst zum Prämienlot seiner Körung 1996 zählend, stellte Polytraum bereits aus seinem zweiten Jahrgang mit Prado den Reservesieger der nordrhein-westfälischen Körung 2001. Aus einer Lancer II-Mutter gezogen, sorgte Prado für Aufsehen bei seinem ersten Auftritt im Rampenlicht: "Im Freispringen einer der Besten des deutschen Jahrgangs 1999" lobte Martin Spoo den Landbeschäler. Als mit 123,62 Punkten Gesamtdritter absolvierte Prado auch seine Hengstleistungsprüfung im Vorderfeld.

Herausragendes Springvermögen - dafür sind Polydor-Kinder weltbekannt. Einer der in Großen Preisen erfolgreichsten Botschafter ihres Vaters war die Stute Bellenuit. Unter Otto Becker kam die westfälische Polydor-Adlerblick-Tochter zu sensationellen Erfolgen: Paris 1993, Frankfurt 1994, Geesteren 1996, Ascona 1997 - Meilensteine in der Karriere des Paares.

Wer sich so vererbt, dessen Nachkommen sind begehrt. So sorgten Polydor-Nachkommen auf den nordrhein-westfälischen Auktionen stets für zufriedene Gesichter bei ihren Ausstellern. Im Jahr 2001 etwa waren es auf der Frühjahrs- Elite-Auktion gleich drei Polydor-Kinder, die das Auktionslot bereicherten: 40.000 Euro war Rheinländern der aus einer Exstream-Mutter gezogene Placido wert, für nur 9.000 Euro weniger wechselte der aus einer Lukull-Mutter stammende Polytanus den Besitzer. Ein paar Monate später trieb die Stute Paloma die Gebote auf 75.000 Euro.

Ein wenig mehr Glamour, mehr sehen und gesehen werden, mehr Glitter und Glimmer: Die jährlich im Dezember stattfindende PSI-Auktion hüllt den Kauf eines Nachwuchsstars in ein facettenreiches Ereignis. Mit 821.000 Mark teuerster dort versteigerter Polydor-Sohn war 2001 der Westfale Prefectus of Kenya, Teilnehmer am Bundeschampionat der füfjährigen Springpferde. 470.000 Mark ließen sich Italiener den Bundeschampionatssieger der füfjährigen Springpferde 1994, den mütterlicherseits aus einer Foxtrott-Mutter gezogenen Polyfox, kosten. Ein Jahr später ließ Paladena, aus einer Octavo xx-Mutter gezogene Vize-Bundeschampionesse im Feld der Füfjährigen, Uwe Heckmanns Rosenholzhammer erst bei 230.000 Mark sinken, der ebenfalls in Warendorf gestartete Progress lockte Spanier, 120.000 Mark auszugeben.

Nicht selten hatte Pozitano einen väterlichen Halbbruder als direkten Konkurrenten im Stechen: Michael Whitackers Polydor-Fröhlich-Sohn Two Step. Nach Siegen in Bordeaux, London und Betune 1993 und dem Gewinn des Nationenpreises von Dublin 1994 führte Two Step 1995 mit Siegen im Groß Preis von Calgary und Rotterdam die Weltrangliste an. 1996 stärkte der Westfale das britische Team und holte erneut den Sieg im Nationenpreis von Calgary, bevor er bei den Olympischen Spielen in Atlanta an den Start ging. 1998 dann war das Jahr, in dem Polydor unangefochten zeigte, was er zu leisten vermag: Auf der Weltrangliste aller Springpferdevererber stand er ganz vorne. 1999 ebenso, ein Jahr später war er Vize-Champion
hinter Capitol I. Da galt Polydor längst als erste Wahl unter sportlich ambitionierten Züchtern. "Anfangs hatte der Hengst nicht die besten Chancen, doch als seine Nachkommen bewiesen, was in ihnen steckt, hatte Polydor große Nachfrage, obwohl sein Samen im Alter nicht mehr so gut war" berichtet der westfälische Zuchtleiter Dr. Friedrich Marahrens.

Doch auch in jüngster Zeit hat Polydor noch heiße Eisen im Feuer. "Die Rakete zündet wieder" lautete im Mai 2003 die Überschrift für den "Westfalen des Monats" Die ehemalige Auktionsstute Pershing, aus einer Watzmann-Mutter gezogen, kehrte unter dem Iren Peter Charles in den Großen Sport zurück. Unter ihm zählte die ehrgeizige Stute zum siegreichen irischen Team im Nationenpreis von Aachen 2003. Zuvor sammelte sie Erfolge unter Ray Texel und war 2000 als Olympiapferd für die Schweiz nominiert, ehe sie für angeblich 4,8 Millionen Mark in die USA wechselte.

Pershing ist eng verwandt und stammt aus dem selben Züchterhaus wie Paramo K. Unter Franke Sloothaak stand der Hengst im Jahr 2000 an vierter Stelle der nordrhein-westfälischen Meistverdiener. "Mit der Summe von 120.000 Mark, die er 1999 ersprang, hält Paramo den Rekord als gewinnreichstes siebenjähriges Springpferd" berichtet Züchter und Besitzer Werner Kegel. Mittlerweile ist Paramo K, mütterlicherseits auf eine reine Vollblutlinie zurückgehend, unter dem Sattel von Joachim Heyer in Großen Preisen erfolgreich. Sein Sohn Provocateur beendete das Bundeschampionat der sechsjährigen Springpferde 2004 mit dem dritten Platz. Vor dem Stechen lautete seine Wertnote 9,0. Das spricht Bände.

In einer ganz anderen Sparte, die ebenfalls Springvermögen und vor allem enorme Leistungsbereitschaft fordert, siegte 1995 ebenfalls ein Polydor-Sohn: Pa`s Hope wurde unter Edith Beine Bundeschampion der Vielseitigkeitspferde. Und dass es auch das ein oder andere Dressurpferd gibt, das es nach ganz oben schaffte und Polydor zum Vater hat, beweist Pink Power, der 1991 das Hamburger Dressurderby mit der Kanadierin Christilot Hansen-Boylen für sich entscheiden konnte.

Auch Polydor Auch Polydor - bis M-Dressur ausgebildet - glänzte auf den Hengstparaden in der großen Quadrille. "Es hat Freude gemacht, ihn zu reiten- er konnte sich schön präsentieren, hatte eine unheimliche Einstellung" zollt ihm sein langjähriger Reiter, erster Hauptsattelmeister a.D., Klaus Tönsfeuerborn, Respekt. Doch wehe, in Polydors Sattel nahm ein Reiter Platz, der nicht ganz so stark war. "Den konnte er alt aussehen lassen. Eine kleine Portion Sturheit zählte schon zu seiner Persönlichkeit" erzählt Susanne Rimkus. Dennoch: Polydor war beliebt im ganzen Gestüt. "Er war immer da, wenn man ihn brauchte - stets fleißig, nie müde, immer den Überblick behaltend ohne verrückt zu werden. Polydor war jederzeit an allen Stellen einzusetzen
- im Geschirr wie unter dem Sattel" denkt Dr. Lehmann zurück. Sein ehemals recht unscheinbares Äußeres hatte Polydor längst in eine besondere, ihm eigene Ausstrahlung umgewandelt. "Er hatte etwas von Würde in seinem Blick" sagt Rimkus. Die hatte er sich auch verdient - es gibt wenige Hengste, die anfangs so unterschätzt wurden und sich trotzdem zu absoluten Ausnahmevererbern entwickeln konnten. "Zu Anfang seiner Karriere war es wenigen Menschen vergönnt, zu wissen, was da für ein Hengst vor ihnen steht" meint Horst Ense, Vorsitzender des Bereiches Zucht der Deutschen Reiterlichen Vereinigung.

Eine Kolik mit Herz-Kreislauf-Versagen bereitete Polydors Leben am 18. April 2000 ein Ende. „Das war einer der schrecklichsten Momente in meiner Laufbahn“, erzählt Rimkus nachdenklich. „Bei einem so legendären Hengst, der tags zuvor noch Besuchergruppen fit und strahlend empfing, das Ende zu bestimmen ist nicht leicht. Doch es ging ihm so schlecht, dass wir ihm weitere Leiden ersparen wollten und ih einschläfern ließen.“ Ausgestopft wurde Polydor im Pferdemuseum von Münster aufgestellt und begrüßt dort jeden Besucher. Ein besonderes Pferd mit einem besonderen Charakter ....... und einer besonderen
Biographie - Polydor eben.

zurück Textquelle : Julia Wentscher / Horse-Gate.com